Der wilde Bruder des Matterhorns -> 4,171 Meter
Dent d’Hérens (4.171 m) – Überschreitung Ostgrat → Tiefenmattengrat
Der Start erfolgte in Dzovernouz, wo wir beim Fahrradverleih Miciolan Mountainbikes mieteten – eine sehr empfehlenswerte Entscheidung, denn der lange Weg entlang des Stausees zieht sich zu Fuß erheblich. Mit den Rädern ging es flott dem See entlang, danach wechselten wir auf den Zustieg zu Fuß und folgten dem langen, einsamen Tal hinauf zum Rifugio Aosta.
Dort angekommen wurden wir von Diego, dem bekannten und einzigartigen Hüttenwirt, empfangen, der es sich nicht nehmen lässt, jedem Gast einen Génépi, einen lokalen Kräuterschnaps, anzubieten. Wir aßen eine hervorragende Pasta zu einem für Hüttenverhältnisse erstaunlich fairen Preis, besprachen die aktuellen Bedingungen und genossen die Nachmittagssonne. Da die Hütte komplett ausgebucht war, brachen wir erneut auf.
Über den Gletscher – mit bereits weichem Schnee – stiegen wir weiter auf zum Bivacco Perelli, auf knapp 4.000 Metern gelegen. Das Biwak ist eine echte „Hundehütte“ aus Wellblech, exponiert auf einem scharfen Grat. Je nach Gemütslage löst dieser Ort entweder blankes Grauen oder leuchtende Augen aus. Trotz der äußerst schlichten Ausstattung genossen wir die Nacht dort sehr – nicht zuletzt wegen des spektakulären Sonnenuntergangs, der das gesamte Monte-Rosa-Massiv in ein unwirkliches Licht tauchte.
Am nächsten Morgen starteten wir bewusst etwas später. Zunächst querten wir den Gletscher in Richtung Ostschulter. Dort öffnete sich ein eindrucksvoller Blick hinüber zum Matterhorn, das wir nur vier Tage zuvor bestiegen hatten. Von hier begann der ernsthafte Teil der Tour: der Ostgrat der Dent d’Hérens.
Der Grat war ungespurt, extrem brüchig und durchgehend ausgesetzt. Die Kletterei ist technisch nicht extrem, aber anspruchsvoll, da nahezu jeder Griff geprüft werden muss. Sicherungen sind nicht vorhanden – alles muss selbst gelegt werden (klassisches Trad-Klettern). Die Linie ist logisch, verlangt aber permanente Konzentration. Trotz – oder gerade wegen – der Brüchigkeit ist die Kletterei sehr schön und alpin ursprünglich.
Am Gipfel nahmen wir uns Zeit, die Aussicht zu genießen: ein überwältigendes Panorama mit Matterhorn, Monte Rosa und den großen Walliser Gipfeln. Ein stiller, eindrücklicher Ort.
Der Abstieg erfolgte über den Tiefenmattengrat. Gleich zu Beginn fiel uns eine herzförmige Gletscherspalte auf – ein kleines, fast surreal wirkendes Detail in dieser wilden Hochgebirgslandschaft. Besonders aufmerksam waren wir im Einstiegsbereich des Grates: Nach einem massiven Felssturz wenige Wochen zuvor ist dieser Abschnitt komplett neu, sehr bröselig und mit einer frisch installierten Kette versehen, die wir ausgiebig testeten.
Nach dem langen Abstieg kehrten wir zum Rifugio Aosta zurück. Diego begrüßte Tim mit den Worten: „Willst du einen Génépi?“ und gratulierte uns herzlich zur Überschreitung. Danach folgte der lange Rückweg – gekrönt von einer richtig spaßigen Abfahrt mit den Mountainbikes zurück nach Dzovernouz.
Schlüsselstellen (Zusammenfassung)
Zustieg Rifugio Aosta → Bivacco Perelli über Gletscher mit weichem Schnee
Exponierte Lage des Bivacco Perelli auf knapp 4.000 m
Ostschulter: Übergang vom Gletscher in die Kletterei
Ostgrat: durchgehend sehr brüchig, ungespurt, stark ausgesetzt
Kletterei komplett selbst zu sichern (keine Fixpunkte)
Abstieg über den Tiefenmattengrat
Neuer, sehr instabiler Einstieg nach großem Felssturz, mit neuer Kette
Technische Daten und Ausrüstung
Gipfel: Dent d’Hérens – 4.171 m
Ausgangspunkt: Dzovernouz
Unterkunft: Rifugio Aosta / Bivacco Perelli
Route: Ostgrat – Abstieg Tiefenmattengrat
Schwierigkeit: AD (alpin ernsthaft durch Brüchigkeit und Absicherung)
Charakter: hochalpine, einsame Überschreitung mit viel Eigenverantwortung
Ausrüstung:
Seil (40–50 m)
Steigeisen & Pickel
Helm (absolut essenziell)
Kleines Trad-Set (Keile, Friends, Bandschlingen)
Hochtourenausrüstung
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